20.02.14

„Unsere Laboratorien sind unsere Felder”

mangEin Besuch bei Mang Pepito, ein philippinischer Bauer ohne Schulabschluss, der zum Reiszüchter wurde.

Pepito Blanco Babasa ist 65-Jahre alt, verheiratet mit 8 Kindern – 4 Söhne und 4 Töchter. Er musste die Grundschule vorzeitig abbrechen, da seine Eltern es nicht leisten konnten, ihn zur Schule zu schicken. Das machte ihm eigentlich nicht soviel aus, da ihm vieles im Schulprogramm ziemlich sinnlos vorkam und er fragte sich warum die Lehrer den Kindern nicht eher praktische Sachen beibrachten, die ihnen im Alltag nützlich wären.

Er stammt aus einer bäuerlichen Familie in der Stadt Pamplona in der Provinz Camarines Sur. Als kleines Kind begleitete er seinen Vater regelmäßig auf die Felder und wurde so mit der Landwirtschaft vertraut. Er erinnert sich, dass sein Vater damals nie chemische Düngemittel benutzte, sondern diversifizierte Landwirtschaftstechniken anwandte. Sie bauten Reis, Gemüse, Wurzelfrüchte und Obst überwiegend für den Eigenbedarf an. Den Überschuss verkaufte seine Mutter auf dem Markt, und kaufte mit dem Erlös Artikel für den Familienbedarf.
Später, von den Versprechen der Befürwortern der „Grüne Revolution“ gelockt, die während der Marcos-Diktatur in den 60er Jahren den Bauern schmackhaft gemacht wurde, fing sein Vater an, Hochertragssorten anzubauen und chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel zu benutzen. Die Techniker des Landwirtschaftsministeriums hatten sie überzeugt, dass sie so höhere Erträge erwirtschaften würden.

Nachdem er heiratete und eine Familie gründete, fuhr er mit den gleichen Methoden fort, auch in der Überzeugung, dass er durch höhere Erträge seine Familie würde ernähren können. Dies war aber nur möglich, indem er nicht nur die von ihm gepachteten Felder bestellte, sondern als Fischer hinzu verdiente und außerhalb der Saison in einem Holzfällerbetrieb arbeitete, denn die chemischen Düngemittel sind teuer. Mang Pepito erklärte, egal wie viel er arbeitete, sein Einkommen reichte nie aus, um die Grundbedürfnisse der Familie zu abzudecken.

Nach mehreren Jahren gelang es ihm, eine Parzelle Land von 0,25 ha zu kaufen, was aber seine Finanzprobleme nicht löste und er musste Kredit von den lokalen Geldverleihern nehmen, um den Betrieb weiter finanzieren zu können. Einmal musste er sogar sein Gründstück verpfänden, um die benötigten Düngemittel und Pflanzenschutzmittel kaufen zu können. Er erinnert sich daran, dass er in einem Jahr fast 10 000 Peso (etwa Euro 160) brauchte, um eine Anbauperiode zu finanzieren. Über die Jahre merkte er, wie die Ernten immer schlechter ausfielen und die erwirtschafteten Erträge lediglich ausreichten, um seine Schulden bei den Geldverleihern zu bezahlen. Was übrig blieb, reichte nicht aus um seine Familie zu ernähren. Es war ihm nicht einmal möglich, Gemüse in der Nähe der Reisfelder anzubauen, denn die Blätter und Früchte der Gemüsepflanzen wurden von den Pflanzenschutzmitteln beschädigt, die er für den Reisanbau benutzte. Er ist noch immer wütend auf das Landwirtschaftsministerium: „Sie haben uns nie über die Langzeitwirkungen und Nachteile der chemischen Düngemittel, Pestizide und Hochertragssorten informiert.“

Zurück zur ökologischen Landwirtschaft

Ein Durchbruch kam 1998, als eine Nichtregierungsorganisation in Pamplona eine Informationsveranstaltung zur nachhaltigen Landwirtschaft und zum ökologischen Anbau organisierte. An die früheren Produktionsmethoden seines Vaters erinnert, wurde Mang Pepito neugierig und bat den Ausbilder, ihm verschiedene traditionellen Reissorten zu geben. „Als ich meine Versuchsfarm anfing, war ich sehr aufgeregt, denn ich konnte nicht glauben, dass es bei uns immer noch traditionelle Sorten gab“ sagte er.

Er fing mit einigen traditionellen Sorten an, um diejenigen identifizieren zu können, die mit biologischen Anbaumethoden einen guten Ertrag brachten. Zwei Jahre später war er ganz von den Vorteilen der biologischen Landwirtschaft überzeugt und kaufte keine chemischen Düngemittel und Pflanzenschutzmittel mehr. Im gleichen Jahr besuchte ein Mitglied von MASIPAG seine Farm, ein Netzwerk von Bauernorganisation, ONGs und Wissenschaftlern, das sich für eine ökologische Landwirtschaft einsetzt und von der ASTM unterstützt wird. Mang Pepito war begeistert, als er informiert wurde, dass seine Farm den Kriterien von MASIPAG für den biologischen Anbau entsprach und er eingeladen wurde, seine Kenntnisse durch eine Beteiligung an einem Studienprogramm von MASIPAG mit einem Besuch bei einem funktionierenden Biobetrieb weiter auszubauen.

Reiszüchter

2001 nahm er dann an einem von MASIPAG organisierten Seminar zur Reiszüchtung teil, das ihn ermutigte, selber einen Versuch zu wagen. Anhand des beim Seminar verteilten Handbuches und seiner eigenen Notizen, stellte er seine eigenen Zuchtziele fest. Er wollte eine Reissorte entwickeln, die gut schmeckt und mehr Körner pro Rispe hätte; die Halme müssten kurz, mit stehenden Blättern sein, um die Reiskörner vor den Vögeln zu schützen. Außerdem musste die Pflanze in Reisfeldern überleben können, wo außer Regen keine weitere Bewässerung benötigt wird, denn auf seinen Feldern sind die erzielten Erträge vom Niederschlag abhängig.

Im ersten Jahr gelang es ihm, die erste Folgegeneration (F1) seiner weißen Reissorte zu züchten; die 2e und 3e Generationen folgten in der nächsten Anbauperiode. Für die 4e Züchtung beschloss er, den gleichen weißen Reis als Elternmaterial zu benutzen, aber als Bestäuber benutzte er einen traditionelle rote Reissorte. Das Ergebnis war eine braune Reissorte. Begeistert fuhr er mit der Reiszüchtung weiter bis es ihm in der 6e Generation gelang, eine Züchtung zu entwickeln, die seinen eigenen Bedürfnissen entsprach. Die Züchtungsprozedur hatte insgesamt drei Jahre gedauert. Als Anerkennung seiner Leistung wurde die neue Sorte nach ihm genannt: PBB 401 (Pepito Blanco Babasa).

Einsatz für andere Kleinbauern

Mang Pepito freut sich immer noch über das Ergebnis jedes Experimentes. Mittlerweile hat er fast 100 neue Sorten entwickelt, darunter eine, die einen besonders hohen Ertrag gibt und weniger Verluste beim Vermahlen aufweist.

Der frühere Schulabbrecher hat sich so zu einem begeisterten Wissenschaftler entwickelt, der die ganze Prozedur eines jeden Experimentes gewissenhaft dokumentiert. Diese Dokumente helfen ihm, die verschiedenen Züchtungen besser zu erklären, wenn er andere Bauern ausbildet.
Er hat sich vor allem zum Ziel gesetzt, den Bauern zu helfen, die hohen Kosten für Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmittel zu reduzieren. Die überwiegende Mehrzahl der Bauern kauft nämlich ihr Saatgut vor jeder Anbauperiode immer noch bei den Technikern des Landwirtschaftsministeriums, die ihnen hohe Erträge versprechen. Oft sind diese im Labor entwickelten Sorten jedoch den spezifischen lokalen Bedingungen der Bauern nicht angepasst. Die von den Bauern selber entwickelten Sorten hingegen sind viel besser geeignet, denn sie wurden auf ihren Feldern schon ausprobiert. „Wir brauchen keine hochmodernen Laboratorien, um neue Sorten zu züchten. Unsere Felder sind unser Labos“, meinte Pepito, der jetzt  auf zehn Jahre Erfahrung als Züchter zurückblickt. Die Freiheit eines Landwirtes, selber über sein Saatgut bestimmen zu können, bedeutet für ihn die Freiheit von der Herrschaft der multinationalen Agroindustrie, die unsere Lebensmittel weltweit zu kontrollieren suchen.

Momentan sind Mang Pepito und MASIPAG dabei, zwei neue Züchter auszubilden, die ihre Vision einer ökologischen und von der Kontrolle der multinationalen Firmen unabhängigen Landwirtschaft  teilen. Ferner, dank der erfolgreichen Lobbyarbeit der lokalen Bauernorganisation und von MASIPAG, haben mehrere Schulen biologische Landwirtschaft und Pflanzenzüchtung in ihre Schulprogramme aufgenommen und die Gemeinde Pamplona hat eine Verordnung verabschiedet, die die biologische Landwirtschaft unterstützt und die Anwendung von gentechnisch veränderten Organismen in sämtlichen Teilen der Gemeinde verbietet.

Roger Camps ist der Vertreter von ASTM in Manila (Philippinen).

Share this: