19.03.18

Mit Essen spekuliert man nicht

Dietmar Mirkes, Experte für globale Klimafragen stand kürzlich der luxemburgischen Tageszeitung JOURNAL Rede und Wort zur Agrarspekulation. Zahlreiche in Luxemburg aufgelegte Fonds investieren in Aktien von Unternehmen, die direkt oder indirekt in der Agrar- oder Nahrungsmittel-Wertschöpfungskette tätig sind. Aufgrund der rasant steigenden Weltbevölkerung und der damit erhöhten Nachfrage nach Nahrungsmitteln dürften solche Geldanlagen eine gute Rendite abwerfen. Die ASTM kritisiert dass diese Firmen und Fonds derzeit noch ungestraft Gewinne aus der Verletzung fundamentaler Menschenrechte, wie zum Beispiel das Vertreiben von Bauern von ihrem Land, erzielen können. Beispiele für solche Unternehmen findet man auf den Websites von internationalen Organisationen wie GRAIN oder FIAN, so unter anderem die in Luxemburg ansässige Firma Socfin.

Sind Agrar-Investmentfonds wären Schuld am Hunger auf der Welt?
Auf diese Frage antwortete Dietmar Mirkes: “Sie sind nicht allein schuld daran, sondern tragen eine Teilschuld. Andere Faktoren sind die EU-Agrarpolitik, ihre Klimapolitik und Freihandelsabkommen und unser imperialer Lebensstil: Wir brauchen fast doppelt soviel Land, wie wir selbst in Luxemburg haben. Wir Europäer importieren beispielsweise drei Viertel der Rohstoffe – zB Soja – für unsere Viehwirtschaft, und rund 40% des Bedarfs an Agrokraftstoffen, um unser Klimaziel von 10% erneuerbare Energien im Verkehrssektor bis 2020 zu erreichen. Damit erzeugen wir eine zusätzliche Nachfrage nach Land, die mit dem Anbau für Nahrungsmittel konkurriert und Investitionen in Land attraktiver gemacht hat. Das hat zu einem Boom von Agrar-Investmentfonds geführt.

Diese Fonds finanzieren so gut wie ausschließlich große agro-industrielle Projekte. Kleinbäuerliche Familienbetriebe in der 3. Welt produzieren hingegen meist Nahrungsmittel für ihren Eigenbedarf und verkaufen ihre Überschüsse vorwiegend regional. Sie erzeugen zwar nach wie vor zwei Drittel der lokalen Nahrungsmittel weltweit, besitzen aber nur noch knapp ein Viertel der Böden. Ihre Eigenproduktion hat nur einen Gebrauchswert, keinen tauschbaren Geldwert. Sie taucht in keiner monetären oder volkswirtschaftlichen Statistik auf. Das Land wird daher häufig als “ungenutzt”, manchmal als “brach” bezeichnet (vor allem extensive genutzte Flächen). Sehr häufig haben Bauern, vor allem indigene Bauern, auch keine eingetragenen Landtitel.

Solches Land ist eine fette Beute für Landgrabber, also Agrofirmen, die große Plantagen für Exportprodukte wie Soja, Pflanzenöl etc. anlegen, und dafür mithilfe der jeweiligen Staaten, die sich davon mehr Steuereinnahmen versprechen, Kleinbauern weltweit zu Hunderttausenden von ihrer Scholle vertreiben. Und die Agrar-Investmentfonds stellen für die Anfangsinvestitionen wie Landerwerb, Rodungen, Maschinenpark etc. das Startkapital in Erwartung hoher Renditen zur Verfügung. Die Folgen: Vernichtung von nicht geldwerter Eigenproduktion, von lokalen Kenntnissen von Samen, Pflanzen, Anbaumethoden, Risikostreuung und bäuerlichen Kulturen. Der Film “Das grüne Gold”, den wir Anfang Februar in der Cinemathek gezeigt haben, zeigt an einem Beispiel aus Äthiopien, wie dies letzlich zu Hunger, kulturell entwurzelten Armutsflüchtlingen und Gewalt führt. In den Bilanzen und Renditen der Firmen, der Staaten und der Fonds taucht all dies nicht auf.”

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