22.01.18

“Lebensmittelkonzerne müssen haftbar sein”

Im Vorfeld unserer Konferenz, Dienstag 23. Januar um 19 Uhr im Auditorium der Coque mit Barbara Unmüssig, über die Marktmacht der großen Agrokonzerne und die Gefahren von Fusionen wie jene zwischen Bayer und Monsanto, veröffentlichte die woxx ein Interview mit Barbara Unmüssig über die Macht der Lebensmittelkonzerne, Boykottaufrufe und Patente auf Leben.

Das Interview können Sie hier lesen oder unter http://www.woxx.lu/lebensmittelindustrie-unternehmen-muessen-haftbar-sein/

woxx: Sie haben mit der Heinrich-Böll-
Stiftung den „Konzernatlas“ herausgegeben, der sich mit den Machenschaften großer Lebensmittel- und Landwirtschaftskonzerne beschäftigt. Wieso dieser Fokus auf große Konzerne?


Barbara Unmüßig: Wir erleben gerade eine Vermachtung im Agrarsektor, was wir so historisch gar nicht kennen: Immer mehr Macht in den Händen von einigen wenigen Konzernen. Wir sehen diese Konzentrationserscheinungen beim Saatgut, beim Landbesitz und auch bei den Supermärkten. Im Atlas zeigen wir auf, wie diese Marktmacht in der gesamten Produktionskette unserer Nahrung aussieht. Wir wollen demonstrieren, was es bedeutet, wenn wir immer abhängiger werden von großen Konzernen, die bestimmen, was bei uns auf den Teller kommt.

Ein großes Thema im Bereich der Agrarindustrie ist die geplante Fusion von Monsanto und Bayer. Dabei konzentriert sich die Kritik oft auf GMOs und Glyphosat – worin sehen Sie die größten Gefahren dieser Fusion?


Im Saatgutmarkt und bei den Pestiziden verstärken sich gerade die Marktkonzentrationen. Noch vor wenigen Jahren hatten wir sieben weltweit dominierende Unternehmen. Aus diesem Oligopol entstehen nun Monopole von nur noch drei großen Konzernen, die den Weltmarkt beherrschen werden. Das sind die US-amerikanischen Unternehmen Dow Chemical und DuPont, der Saatgut- und Pestizidhersteller Chem China mit dem Schweizer Konzern Syngenta und eben Bayer und Monsanto. Diese drei Konzerne werden 60 Prozent des Marktes für kommerzielles Saatgut und für Agrarchemikalien beherrschen. Das Problem ist, dass diese Konzerne die Produkte diktieren. Nach den Fusionen werden sie das Saatgut für beinahe alle gentechnisch veränderten Pflanzen des Planeten anbieten und so auch diesen Markt komplett dominieren. Sie werden dann über noch mehr Macht verfügen, um den Zulieferern Preise und Qualität zu diktieren. Außerdem werden sie einen ungeheuren Schatz an Patenten ansammeln. Wir machen uns von Großkonzernen abhängig, die dann die Produktpalette, die Produktionsbedingungen, das Ausmaß des Pestizideinsatzes diktieren – also jeden Entwicklungsschritt des Nahrungsmittels vom Saatkorn bis auf den Teller bestimmen.

Wir machen uns von Großkonzernen abhängig, die jeden Schritt vom Saatkorn bis auf den Teller diktieren.

Genetisch veränderte Tiere sind ebenfalls ein Thema im Konzernatlas; dabei wird vor allem auf die mit den Patenten verbundenen Gefahren eingegangen. Es könnte zum Beispiel sein, dass es Landwirt*innen lizenzrechtlich verboten wird, den Nachwuchs ihrer Tiere zu verkaufen. Ähnliche Beispiele gibt es in der Unterhaltungsindustrie; Musik und Filme werden gestreamt, statt sie zu kaufen und damit zu besitzen. Sehen Sie in der Entwicklung in der Nahrungsmittelindustrie einen allgemeinen Trend, der auch in anderen Lebensbereichen durchscheint?


Grundsätzlich müssen wir da schon einen Unterschied machen: Lebensmittel sind etwas anderes als Filme oder Autos, die wir uns ausleihen. Bei der Nahrung geht es um unser Menschenrecht auf Ernährung und darum, dass wir selbst die Entscheidungsmöglichkeit haben sollten, was wir essen. Das wird durch diese Patentierung und diese Lizenzen schwieriger, weil es keine Vielfalt mehr auf unseren Tellern gibt. Ich finde es schrecklich, wenn Patente so gestrickt sind, dass der Bauer und die Bäuerin das Saatgut und die Tiere nicht mehr selbst züchten können. Es waren nämlich immer sie, die sich um die Zucht gekümmert und auch angepasste Tier- und Pflanzenarten gezüchtet haben, die besonders für einen Standort geeignet waren. Nun wird das alles von Konzernen gesteuert, die Bauern werden unmündig und abhängig gemacht und verlieren ihr Selbstbestimmungsrecht. Die Konzerne werden allerdings auch kein „one size fits all“ anbieten, es wird weiterhin eine Sortenvielfalt geben, aber den Bäuerinnen wird die Wahlfreiheit genommen. Dieser Trend muss meiner Meinung nach gestoppt werden.

Vier westliche Unternehmen – und mittlerweile auch ein chinesisches – dominieren den Welthandel mit landwirtschaftlichen Gütern. Wie kommt es, dass Konzerne mit so großer Marktmacht und einem so bedeutenden Einfluss auf unser tägliches Leben so unbekannt sind?


Im Laden wird dem Verbraucher vorgegaukelt, es gäbe eine unglaubliche Vielfalt von Herstellern und Produkten. Im Kleingedruckten wird dann deutlich, dass alles von einigen wenigen Konzernen stammt. Das sind Cargill, Bunge und Dreyfus aus den USA, Archer Daniels Midland aus den Niederlanden und Cofco aus China. Das sind in der Tat Namen, von denen man nie hört, aber es sind genau diejenigen, die den Lebensmittelmarkt komplett beherrschen. Auf weltweit 50 Firmengruppen entfällt die Hälfte des weltweiten Umsatzes bei der Herstellung von Lebensmitteln. So macht die Mars-Gruppe – unter den Top 10 der Lebensmittelhersteller – so gut wie jeden Schokoriegel auf der Welt. Und und 80 Prozent des Tees, den wir trinken, stammt weltweit von nur drei Konzernen. Es ist Teil der Marketingstrategie, eine Vielfalt vorzutäuschen, die in Wirklichkeit gar nicht existiert. Da müsste dem Verbraucher wirklich deutlich gemacht werden, dass er eben nicht fünf verschiedene Joghurts zur Auswahl hat, sondern die alle von einem Anbieter stammen.

Es ist Teil der Marketing-
strategie, eine Vielfalt vorzutäuschen, 
die in Wirklichkeit gar nicht existiert.

Nicht nur bei den Agrokonzernen gibt es nur wenige Player, die den Markt beherrschen, sondern auch im Einzelhandel. Was sind die Konsequenzen dieser Marktkonzentration?


Es gibt drei große Faktoren. Einerseits ein Diktat der Preise, zum Beispiel für die Zulieferer. Dadurch kommt immer weniger beim Ursprungsproduzenten an, ein bekanntes Beispiel dafür ist die Milch. Die Discounter möchten Milch günstig anbieten und diktieren die Milchpreise. Die Bauern in Deutschland haben massiv dagegen protestiert, dass sie nur 29 Cent pro Liter Milch erhielten. Ihr Protest hat erwirkt, dass es jetzt wenigstens 40 Cent pro Liter sind. Zweitens gibt es immer wieder Beispiele, dass unfaire Arbeitsbedingungen vorherrschen, die Angestellten werden häufig nicht gut bezahlt, sozusagen ein Diktat der Niedriglöhne. Und der dritte Faktor ist die Expansion dieser Supermarktketten in den globalen Süden. Das vernichtet den lokalen Einzelhandel und es passiert das, was wir in Europa schon hinter uns haben: Kleine Läden werden verdrängt, die Menschen müssen in die Einkaufzentren an die Stadtränder fahren, um sich zu versorgen. Im großen Ausmaß ist dieser Verdrängungseffekt in Südostasien zu beobachten. Dort sind die Umsätze der Supermärkte in den letzten 20 Jahren von fünf auf 50 Prozent gestiegen.

Ein Lebensmittelkonzern, der besonders oft am Pranger steht, ist Nestlé. Vielfach wird zum Boykott des Konzerns aufgerufen – kann so ein Boykott überhaupt etwas ausrichten, ist das eine sinnvolle Strategie? 


So entfremdet wir von der Lebensmittelproduktion auch sein mögen, Menschen reagieren auf Lebensmittelskandale immer noch sehr empfindlich. Wenn man nachweisen kann, dass ein Konzern zu üblen Arbeitsbedingungen Lebensmittel produziert oder Trinkwasserquellen exorbitant ausbeutet, dann reagieren die Verbraucherinnen. Boykottaufrufe werden gefürchtet, denn sie münden – meistens leider nur kurzfristig – in Umsatzrückgängen. Gleichzeitig müssen wir aber darauf drängen, dass die Politik Richtlinien und Standards für Produktqualität setzt und diese eingehalten werden müssen. Besonders im globalen Süden braucht es aber auch Whistleblower, die Missstände aufzeigen. Im Zuge der „cooperate social responsibility“ muss dann auch klar sein, dass Unternehmen haftbar sein müssen, wenn sie Menschenrechte missachten oder die Umwelt zerstören. Dafür brauchen wir klare Regeln und Standards, es kann nicht immer nur dem Zufall überlassen werden, ob Missstände ans Tageslicht kommen.

Wenn man sich den Konzern-
atlas ansieht, kann man ja ganz schön verzweifeln. Gibt es für die Konsument*innen überhaupt Alternativen?


Ich finde es auf jeden Fall wichtig, den Einzelhandel zu stärken, also den lokalen Bäcker, Metzger, Blumenladen, Biomarkt und die Wochenmärkte zu nutzen und dort zu kaufen. Da hat man eine viel direktere Möglichkeit, nachzufragen, woher die Produkte kommen, weil zum Beispiel der Metzger eventuell noch Kontakt zum Bauernhof hat, von dem sein Fleisch stammt. Natürlich müssen wir insgesamt dafür sorgen, dass die Labels und die Kennzeichnung von Lebensmitteln maßgeblich verbessert werden. Die Verbraucherinnen sollen nachvollziehen können, woher ihre Lebensmittel kommen, wie sie produziert wurden und welche Wege diese hinter sich haben. Teilweise sind das ja auch ökologisch wichtige Informationen, die in die Kaufentscheidung mit einfließen können. Letztendlich müssen die Kunden selbst entscheiden, ob sie eher den lokalen Handel oder den Supermarkt stärken wollen.

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