10.04.09

Klimawandel contra Entwicklung in Bangladesh

Unsere Reise führte uns am Ende der winterlichen Trockenzeit in ein Land mit tropischem Klima. Die jährlichen Niederschläge steigen von Westen (um 1200 mm) nach Osten (bis 5000 mm) an. Kurz hinter seiner Nordgrenze liegt das indische Cherrapundji, der Ort mit dem meisten Regen der Welt (12 m im Jahr).Der Großteil des Landes besteht aus dem Delta von Patma (dem indischen Ganges), Jamuna (dem indischen Brahmaputra) und Meghna und ist so flach wie die Niederlande. Die Wasser fast des gesamten Himalayas – außer dem vergleichsweise kleinen Einzugsgebiet des Indus im Nordwesten – strömen hier im größten Delta der Welt in unzähligen, untereinander verästelten Flussläufen in den Golf von Bengalen. An seiner Westküste dehnen sich die Sundarbans aus, der größte Küstenmangrovenwald der Welt.

Während alte Schulbücher und die alten Bengalen noch häufig sechs Jahreszeiten erwähnen, sind es jetzt faktisch nur noch drei : eine heiße Sommersaison von März bis Juni mit Temperaturen bis über 40° C und wenigen, aber dann heftigen Niederschlägen, die feuchtheiße Monsunsaison von Juni bis Oktober mit Temperaturen bis zu 36° C, aber immensen Regenfällen und sehr hoher Luftfeuchtigkeit (hier fallen 2/3 der Jahresniederschläge), und der kühlere und trockene Winter von November bis März mit Temperaturen, die bis unter 10° C fallen können.

Es wird wärmer

Weltweit sind nach Angaben des Weltklimarats IPCC seit 100 Jahren die Temperaturen um 0,7° C gestiegen. Für Bangladesh wird bis 2030 ein Anstieg der Temperaturen um 1,3 ° C prognostiziert, bis 2070 um 2,6° C. Dies wird zu noch stärkeren Niederschlägen im Monsun führen, die noch mehr Überschwemmungen verursachen und im Winter wird weniger oder gar kein Regen fallen, vor allem im Nordwesten. Da gleichzeitig die Verdunstung steigt, ist insbesondere im Winter weniger Wasser im und am Boden vorhanden.

Diese Folgen des Temperaturanstiegs – geringere Niederschläge im Winter, stärkere Verdunstung und geringere Wasserführung – erhöhen vor allem im Nordwesten des Landes in der Region um Rajshahi die Gefahr von Dürren. Die weitreichendsten Folgen der erhöhten Temperaturen entstehen für Bangladesh jedoch durch die thermische Ausdehnung des erwärmten Meereswassers und das Schmelzen der Polkappen : der Meeresspiegel steigt. Er führt in Kombination mit den anderen, oben kurz genannten Auswirkungen der Erwärmung und durch Rückkoppelungen seiner Folgen dazu, dass der Lebensraum für die 150 Millionen Bangladeshis immer knapper wird.

Der Anstieg des Meeresspiegels und seine Folgen

Weltweit konstatieren die Klimawissenschaftler einen Anstieg des mittleren Meeresspiegels. In Bangladesh hat das SAARC Meteorological Research Council (SMRC) in einer Studie über eine Zeitspanne von 22 Jahren hinweg die Scheitelpunkte der Flut erfasst und festgestellt, dass der Anstieg in Bangladesh um ein Vielfaches höher ist als die globale Durchschnittsrate der letzten 100 Jahre. Der Anstieg liegt außerdem im Osten (fast 8 mm pro Jahr) höher als im Westen (4 mm pro Jahr). Diese regionale Differenz ist eine Folge unterschiedlicher tektonischer Bewegungen des Festlandes, von Meeresströmungen, die vor allem gegen die östliche Küste bei Chittagong drücken und dem starken Zustrom aus dem Zusammenfluss der drei großen Ströme Patma, Jamuna und Meghna. Der Anstieg hat verschiedene Folgen, die sich teilweise gegenseitig noch verstärken.

Veränderte Erosion und Sedimentation

Beim Anstieg des Meeresspiegels denkt man zuerst an die Erosion der Küsten und ihre Verlagerung landeinwärts. Dies ist zwar auch der Fall in Bangladesh, aber bedingt durch die Deltasituation mit vielen Flüssen, die alle mit nur geringem Gefälle in den Golf von Bengalen münden, und die Tatsache, dass das Hinterland kaum 2 m über dem Meeresspiegel liegt und flach wie eine Flunder ist, greift das Meer über die Flüsse wie mit Fingern tief ins Festland ein. Es entsteht ein Rückstau in den Flüssen, welcher deren geringe Fließgeschwindigkeit im Unterlauf noch verlangsamt. Dadurch lagern diese die Sedimente am Boden auch weiter oberhalb ab. Dies erhöht die Flussbette und steigert die Überflutungsgefahr im Umland. Gleichzeitig erhöht sich auch die Erosion der Flussufer im Rückstaugebiet.

Die Flüsse Bangladeshs sind nicht wie in Europa kanalisiert, sondern mäandrieren ungebändigt in ihren natürlichen Betten. Der Fluss erodiert hier und lagert dort wieder ab ; hier wird ein Hang unterspült und bricht ab, dort entstehen neue Sandbänke und Inseln. Dies hat zur Folge, dass es überall in Bangladesh Menschen gibt, die ihre Felder und Häuser nahe am Flussufer verlieren. In den Flussunterläufen, bis über 50 km hinter der Küstenlinie, verschärft der Anstieg des Meeresspiegels dieses Problem allerdings durch den Rückstau – besonders bei Flut. Dies trifft vor allem die Region am Zusammenfluss der großen Ströme Patma, Jamuna und Meghna. Aber auch in Mongla City – südöstlich von Khulna und ca. 50 km hinter der Küste – stehen jetzt jedes Mal im September bei Flut die Straßen unter Wasser. Das war früher nicht so. Alte Leute aus den Dörfern um Barisal berichten, dass dort jetzt mehr Felder bei Flut unter Wasser stehen und im Winter auch nicht mehr richtig trocken werden, wie das früher der Fall war. Ein Anstieg des Meeresspiegels von einem Meter wird in Bangladesh zu einem Landverlust von rund 23.000 qkm führen, das ist ein Siebtel der Fläche des Landes. Da weite Teile nur 1,50 m über dem Meeresspiegel liegen und sehr dicht besiedelt sind, wird Bangladesh zu den am härtesten vom Klimawandel getroffenen Ländern der Welt gehören.

Zunehmende Versalzung

Infolge der geringeren Wasserführung der Flüsse im Winter, dringt bei Flut das Meerwasser weiter flussaufwärts vor und versalzt Grund- und Flusswasser. In der Regenzeit wird das Salz teilweise wieder ins Meer ausgewaschen.

So findet sich jetzt in vielen Regionen, beispielsweise bei Khulna und Gopalganj, Salz im Grundwasser, wo vorher keines war. Die von der zunehmenden Versalzung betroffenen Flächen haben sich von 0,83 Mio Hektar im Zeitraum von 1966 bis 1975 auf 3,05 Mio Hektar in 1995 fast vervierfacht. Sie werden in den nächsten Jahren um eine weitere Viertel Million Hektar anwachsen. Durch die zunehmende Versalzung sinken die Reiserträge oder enden ganz. Andererseits begünstigt die Versalzung den Ausbau von Shrimps-Kulturen ; diese nehmen dann Flächen auf Kosten vor allem von Reisfeldern in Anspruch. Auch die Biodiversität der Süßwasserflora und –fauna wird durch die Versalzung verringert.

Mehr und stärkere Überschwemmungen

Bangladesh kennt man bereits als das Land der Überschwemmungskatastrophen. Als „Jahrhundertfluten“ gelten jene der Jahre 1955, 1974, 1987, 1988, 1998 und 2004, die zu vielen Opfern und kolossalen Schäden an Infrastruktur und Ernteerträgen führten. Allein 1987 und 1988 waren jeweils 73 Millionen Menschen davon betroffen. Statistische Daten über das Ausmaß der Überschwemmungen werden erst (mit Unterbrechungen) seit 1954 geführt, so dass es schwer ist, mit wissenschaftlicher Exaktheit festzustellen, ob sie zunehmen. Seit den 70er Jahren kommen sie unregelmäßiger, aber auch extremer. Die steigenden Flussbetten infolge von Ablagerungen, die gestiegene Erosion der Ufer vor allem im Unterlauf infolge des Rückstaus des Meeres, sowie die zunehmenden Niederschläge erhöhen zusätzlich das Risiko lang anhaltender und noch augedehnterer Überschwemmungen, verursacht durch die Flüsse oder durch das Meer.

Schlimmere Zyklone und Sturmfluten

Neben den Überschwemmungen kennt Bangladesh seit jeher verheerende Zyklone, die vom Golf von Bengalen her stets Flutwellen ins Land hineindrücken und zahllosen Menschen das Leben kosten. Die meisten Menschen kommen dabei nicht um, weil sie von Bäumen oder umherfliegenden Wellblechen erschlagen werden, sondern weil sie ertrinken. Während die Überschwemmungen insgesamt mehr Menschen treffen, verursachen die Zyklone mehr Todesopfer : im November 1970 gab es 300.000 Todesopfer, im April 1991 139.000.

Die Menschen, mit denen wir im Gebiet des letzten Zyklons Sidr (2008, 3500 Todesopfer) gesprochen haben, sagen übereinstimmend, dass die Frequenz und Intensität der Zyklonen in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat.

Die Wissenschaftler des IPCC sind sich allerdings nicht einig, ob dies weltweit und auch für den Golf von Bengalen gilt : ihnen fehlen vor allem länger zurückreichende Daten, um nach zeitlichen Vergleichen wissenschaftliche Aussagen treffen zu können. Alam hingegen geht für Bangladesh davon aus, dass „mit dem Klimawandel Zyklone und Sturmfluten voraussichtlich intensiver werden.“

Tatsache ist jedenfalls, dass bisher noch kein Sturm eine Windgeschwindigkeit wie Sidr von 240 km/h erreicht hat. Und auch die aus der Erwärmung des Meerwassers resultierende Tendenz, dass häufiger ausgedehnte Wasserflächen auf hoher See über 27° C warm werden – eine Voraussetzung für die Entstehung von Zyklonen – spricht für eine Zunahme. Einig sind sich die Wissenschaftler darin, dass die Zyklone mehr Schäden verursachen, weil die Bevölkerung und die Infrastruktur in Bangladesh und weltweit an den Küsten dichter wird. Der Anstieg des Meeresspiegels trägt ebenfalls dazu bei, dass die mit den Zyklonen einhergehenden Flutwellen höher und stärker werden. Für die Menschen in der Zone hohen Sturmrisikos an der Küste Bengalens heißt dies im Endeffekt nichts anderes, als dass ihr Risiko, in einer Flutwelle zu ertrinken, steigt. In der ganzen Küstenregion leben 35 Millionen Menschen : je näher sie am Meer wohnen, desto höher ihr Risiko.

Rückwirkungen auf die bengalische Gesellschaft

Bangladesh hat eigentlich genug Probleme. Die Folgen des Klimawandels kommen noch hinzu. Weltweit treffen sie vor allem die Menschen, die direkt von der Natur abhängig sind – also Bauern, Fischer, Sammler etc. In Bangladesh arbeiteten 2005 54 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft. Einerseits sind die Menschen an Fluten und Stürme gewohnt und haben vielerlei Methoden entwickelt, sich daran anzupassen und damit zu leben. Andererseits wirft jeder Sturm und jede Flut sie immer wieder zurück. Dabei geraten immer weitere Kreise der Bauern – auch ohne Klimawandel – in den Teufelskreis der Verletzbarkeit, den Wilms treffend beschreibt : „Nach und nach werden die Nahrungsvorräte aufgebraucht. Zur Nahrungsbeschaffung (zu erhöhten Preisen wegen der Knappheit) wird Bargeld benötigt, vielfach wird ein Kredit aufgenommen (zu vergleichsweise schlechten Konditionen wegen der erhöhten Nachfrage) ; die Tiere erkranken leichter oder sterben, werden zum Teil zur Bargeldbeschaffung verkauft. Reicht das nicht, so wird Land verkauft, und die Betroffenen begeben sich sukzessive in den vielfach nur sehr schwer zu durchbrechenden Kreislauf stetig steigender Verletzlichkeit. Die Bewohner im Untersuchungsgebiet haben sich für ‚das Leben mit der Überschwemmung‘ entschieden. Sie sind sich zwar bewusst, dass sie in einem Risikogebiet leben, haben aber kaum eine Möglichkeit, sich dem Risiko zu entziehen. Migration könnte eine Lösung sein. Jedoch können sich die Dorfbewohner kaum einen Umzug vorstellen und leisten. Sie haben traditionell eine starke Bindung an ihr Dorf.“

Kein Wunder also, dass die ländliche Armut und damit die Ungleichheit im Land steigt. Bereits seit den 1980er Jahren lässt sich die steigende Ungleichheit im Land statistisch nachweisen. Von den 1980ern bis in die 1990er Jahre stieg der Gini-Koeffizient (1) von 0,36 deutlich auf 0,43 an – in städtischen Gebieten wächst die Ungleichheit schneller als auf dem Land (das sind die Landlosen, die in die Städte ziehen). Die reichsten 5 % der Haushalte besaßen Mitte der 80er Jahre gut 18 % des Einkommens, Mitte der 1990er Jahre fast 24 %. Der Anteil der ärmsten 5 % der Haushalte am Reichtum sank im gleichen Zeitraum von 1,2 % auf 0,9 %. Nach dem Bangladesh-Zensus von 1996 sind 38% der ländlichen Haushalte landlos ; anderen Autoren gehen für die gleiche Zeit von rund 50 % aus. Diejenigen, die das Land bewirtschaften, sind immer seltener auch diejenigen, denen das Land gehört. Die Zahl der Landlosen nimmt zu, der Landbesitz konzentriert sich in den Händen weniger Großgrundbesitzer. Am Ausbreiten der Shrimps-Kultur kann man diesen Prozess in der Landschaft ablesen.

Die Menschen in Bangladesh erinnern einen an Sisyphus. Dieser musste immer wieder einen Stein den Berg hinaufwälzen, und sobald er fast oben war, rollte ihm der Stein wieder aus der Hand den Hang hinunter. Ihr Mut und ihre Zähigkeit, ihr Willen, immer wieder aufzustehen und sich aus der Armut hinaufzuarbeiten, sind bewundernswert. Aber die Überschwemmungen, Stürme und Dürren werfen sie immer wieder zurück – und der Klimawandel verstärkt noch deren Effekt. Wer wie der alte Shadu Charan Mondol, 72 Jahre alt, aus dem Dorf Shingertoli sechsmal sein Haus aufgeben musste, hat jedesmal Haus, Land und Sachwerte verloren und musste von neuem anfangen. Am Ende eines Lebens voller Arbeit und Rückschläge steht er mit 72 Jahren arm wie eine Kirchenmaus da. Er hat nur noch das letzte Stück Land, ein Dreieck von vielleicht 10 x 15 m x 10 m Kantenlänge, auf dem seine schäbige strohbedeckte Hütte steht. „Ich ziehe nicht mehr weg“, sagt er, „ich werde hier sterben.“

Dietmar Mirkes ist Mitglied der ASTM.

Brennpunkt Drëtt Welt 248 (avril 2009)

(1) Der Gini-Koeffizient oder auch Gini-Index ist ein statistisches Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen von z.B. Einkommen oder Vermögen.

Alam, Mozaharul : Bangladesh Country Case Study, BCAS, 2003 K. Böhme / H. Herold / D. Saam : Bideshi. Begegnungen mit Banlga Desh, Draupadi, Heidelberg 2006 (sehr gute lesbare Porträts und Lebensgeschichten armer Leute) Wilms, Heinrich-Josef : Leben mit der Überschwemmung im ländlichen Bangla Desh, Shaker Verlag, Aachen 2007 (sehr lebensnah und detailliert)

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