Vom 19 – 20. März besuchte Chito Medina die ASTM, der nationale Koordinator unserer Partnerorganisation MASIPAG. Sein Besuch fand zu einem wichtigen Moment statt, da die Debatte um die Zulassung einer gentechnisch veränderten Reissorte, des sogenannten „Golden Rice“, sich wieder zuspitzt. Chito konnte uns über die neuesten Entwicklungen informieren und erklären, warum für MASIPAG und viele andere philippinischen Kleinbauernorganisationen die Zulassung von Golden Rice ein großes Risiko darstellt.
Der Golden Rice wurde von den deutschen Biologen Ingo Potrykus und Peter Beyer in den 1990er Jahren durch gentechnische Verfahren entwickelt. Er enthält eine erhöhte Menge an Beta-Carotin, das im Körper in Vitamin A umgewandelt wird und ihm verleiht seine goldgelbe Farbe sowie seinen Namen verleiht. Die Befürworter des Golden Rice behaupten, er könne helfen, den Vitamin-A-Mangel in den Entwicklungsländern zu bekämpfen, der jährlich zur Erblindung und sogar zum Tod von tausenden Kindern unter 5 Jahren führt.
Das Schweizer Unternehmen Syngenta stieg in das Projekt ein und erwarb durch seine finanzielle Beteiligung zugleich die Rechte an der Patentierung und Vermarktung des Golden Rice. Syngenta versprach, armen Kleinbauern das Saatgut als humanitäre Maßnahme kostenlos zur Verfügung zu stellen. Momentan wird Golden Rice vom International Rice Research Institute (IRRI) weiter entwickelt, wobei er in lokale Sorten eingekreuzt wird, um ein philippinischen Golden Rice zu erhalten. Seit 2011 laufen Feldversuche in mehreren Standorten der Philippinen.
Andere Möglichkeiten gegen Vitamin-A-Mangel
MASIPAG sowie viele anderen Bauernorganisationen auf den Philippinen lehnen den Golden Rice als eine „High-Tech-Lösung“ ab, die das komplexe Problem der Mangelernährung zu sehr vereinfacht. Für sie ist Vitamin-A-Mangel eine direkte Folge der weit verbreiteten Armut im Land und kann nur durch Maßnahmen überwunden werden, welche die grundlegenden Ursachen der Armut nachhaltig bekämpfen. Im philippinischen Kontext würde dies unter anderem einen besseren Zugang zu Land und adäquaten Produktionsmitteln, aber auch Informationskampagnen zur gesunden Ernährung bedeuten. Chito Medina erklärte während seines Besuches, dass es auf den Philippinen eine Vielzahl an einheimischen Pflanzen gebe, die bedeutend höhere Mengen an Beta-Karotin wie der Golden Rice enthalten. Während Golden Rice 3 670 μg Beta-Carotin/100G enthält, enthalten zum Beispiel die Blätter des auf den Philippinen weit verbreiteten Moringa-Oleifera-Baumes 6 780, Möhren sogar 10 023. Diese könnten alle im Kampf gegen die Mangelernährung eingesetzt werden.
Ferner wurden in den letzten Jahren, unter anderem durch staatliche Programme zur Verabreichung von Vitamin-A-Kapseln und der Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin A erhebliche Fortschritte im Kampf gegen den Vitamin-A-Mangel erzielt. So konnte der Prozentsatz an Kindern unter 5 Jahren, die an Vitamin-A-Mangel leiden, von 40 % in 2003 auf 15 % in 2008 gesenkt werden.
Auch bezüglich der Wirksamkeit von Golden Rice als Mittel gegen Vitamin-A-Mangel stehen mehre Fragen offen. Damit der Körper Vitamin-A aufnehmen kann, müssen ausgewogene Mengen an Mikro- und Makronährstoffen in der Nahrung vorhanden sein. Insbesondere Fette spielen dabei eine wichtige Rolle. Da sich aber gerade arme Familien eine solche ausgewogene Ernährung nicht leisten können, wäre eine ausreichende Versorgung mit Beta-Carotin durch den Verzehr von Golden Rice nicht garantiert. MASIPAG fragt sich auch, wie viel Beta-Carotin beim Kochen oder während der Lagerung verloren gehe. Dazu schweigt das IRRI bislang.
Mögliche sozioökonomische Auswirkungen
Abgesehen davon, dass der „Golden Rice“ bestenfalls ein isoliertes Symptom und nicht die Ursache des Problems behandelt würde, könnte seine Einführung andere Probleme verursachen. So wurde Golden Rice bislang nicht auf seine Sicherheit für den Menschen getestet; Langzeitstudien zur Allergenität oder Toxizität zum Beispiel, die zuerst in Tierversuchen hätten durch geführt werden müssen, fanden nicht statt. Die einzigen bislang bei Menschen durchgeführten Versuche fanden in China bei Kindern in einer Schule statt. Es wurde auch Butter zum servierten Reis hinzugefügt, um die Aufnahme zu verbessern. Da weder die Kinder noch ihre Eltern darüber informiert wurden, dass sie GM-Reis zu essen bekamen, wurden die Forscher für eine Periode von 2 Jahren suspendiert und es wurde verlangt, dass die Studie wegen der ethischen Bedenken zurückgenommen werde.
Auch die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen für die philippinischen Kleinbauern geben Anlass zur Besorgnis, den diese haben über zehn Jahre Erfahrung mit dem kommerziellen Anbau von genverändertem Mais. Eine von MASIPAG durchgeführte Studie zeigt, dass die Bilanz für die Kleinbauern extrem negativ ausfällt: Ihre Einkommen sind gesunken, der Preis des Gen-Saatguts ist dramatisch gestiegen, die Verunreinigung der traditionellen Kulturen durch Gen-Mais macht es unmöglich, sie nochmals zu säen, die Agrarbiodiversität nahm ab.
Als Folge der Grünen Revolution gingen die meisten traditionellen Reissorten verloren; die Bauern befürchten, dass durch die Einführung von Golden Rice noch weitere Sorten verschwinden würden. Besonders für die vielen Kleinbauern, die in Zusammenarbeit mit MASIPAG Tausende von traditionellen Sorten gesammelt und wieder eingeführt bzw. neue Reislinien gezüchtet haben, die an vielfältigen lokalen, klimatischen Bedingungen angepasst sind, wäre eine Verunreinigung ihrer Felder mit Gentech-Reis eine Katastrophe.
Golden Rice – in wessen Interesse?
Bedenkt man, dass es auf den Philippinen durchaus einfachere, sichere und günstigere Lösungen gibt, um das Problem der Mangelernährung zu bekämpfen, stellt sich automatisch die Frage, in wessen Interesse der Gentech-Reis so stark vorangetrieben wird und ob es sich tatsächlich ausschließlich um ein humanitäres Anliegen handelt. Masipag und andere Bauernorganisationen sind davon überzeugt, dass der Golden Rice vor allem der Gentech-Industrie dabei helfen soll, sich ein menschenfreundliches Image zu verpassen, den Widerstand gegen Gentech-Produkte zu brechen und die Verbreitung und Akzeptanz von genetisch veränderten Organismen im Lebensmittelbereich zu fördern. Vor allem die Tatsache, dass Syngenta immer noch das Patent für Golden Rice besitzt, gibt Anlass zur Befürchtung, dass in Zukunft die Kontrolle der großen Agrochemiekonzernen über die Kleinbauern weiter intensiviert werden könnte.
Befürworter und Kritiker steigern ihre Lobbyarbeit
Vor dem Hintergrund der hitzigen und teils emotional geladenen Debatte um die Zulassung von Golden Rice, besuchte Anfang März die Lobby-Gruppe „Allow Golden Rice Now!“, eine pro-Gentechnik-Gruppe mit Sitz in Kanada, die Philippinen, um bei den jeweiligen Behörden für die Zulassung vom Golden Rice zu werben. Nach den Philippinen standen Bangladesch und Indien auf ihrem Programm. Dabei wurden Kritikern des Gen-Reises Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen, da sie durch ihre Proteste am Tod von Kindern mit Vitamin-A-Mangel mitschuldig seien.
Der Widerstand der Gentech-Kritiker geht aber auch in Form von Massenprotesten, Sensibilisierungskampagnen, Lobbyarbeit bei den lokalen Behörden, Petitionen u.s.w. unvermindert weiter. Von der Regierung werden Gesetze zur Kennzeichnung von Gentech-Lebensmitteln sowie für eine Landwirtschaft ohne Gentechnik verlangt.
Während der obenerwähnten Tournee von „Allow Golden Rice Now!“ protestierten Bauern aus drei Provinzen vor dem Landwirtschaftsministerium in Manila und verlangten ein Verbot für die Zulassung von Golden Rice in den Philippinen. Sie betonten, dass die vielen kultivierten und natürlich vorkommenden Pflanzen die Einführung von Golden Rice unnötig machten.
Während ihres Verbleibs auf den Philippinen luden die Kritiker von Golden Rice, mitunter MASIPAG, die Vertreter von „Allow Golden Rice Now!“ zu einer öffentlichen Debatte ein. Die Gruppe aus Canada ging aber nicht auf die Einladung ein, für MASIPAG ein klares Zeichen, dass die Besucher Angst hatten, ihre Position bei einem Streitgespräch zu verteidigen.
Die Bauernorganisationen organisieren sich auch zunehmend international im Kampf für eine Landwirtschaft ohne Gentechnik. Um den Widerstand gegen Golden Rice zu koordinieren, wurde 2014 eine gemeinsame Initiative „Stop Golden Rice Alliance“, von Bauernorganisationen aus Bangladesch, Indien und den Philippinen gegründet.
Julie Smit ist Mitglied der ASTM.




