09.04.15

Editorial BP288 (avril 2015)

bp288-coverErnährungsdemokratie oder Diktatur der Agrarindustrie?

In einer immer stärker globalisierten Welt mit immer mächtigeren internationalen Unternehmen ist der Kampf gegen Ausbeutung und Ausgrenzung ein Thema das uns alle direkt betrifft. Es geht nicht nur um die Ausbeutung von Entwicklungsländern durch reiche Industriestaaten. Es geht auch um die weltweite Bereicherung einiger wenigen auf Kosten aller andern. Weltweit und natürlich auch in Europa. Eines der zentralen Themen, in denen das besonders ersichtlich wird, ist die Ernährung. Jeder muss essen, es ist ein riesiges Geschäft für das es zwangsläufig immer einen Markt geben wird. Doch wer kontrolliert in Zukunft die weltweite Lebensmittelproduktion und schließlich das, was wir alle täglich essen ?

Am Anfang der Nahrungskette steht die Produktion von Saatgut. Das Unternehmen, das es schafft ein weltweites Monopol auf die Saatgutproduktion zu erhalten, kontrolliert die ganze Lebensmittelproduktion. Jedes Mal, wenn weltweit irgendjemand etwas isst, wird dieses Unternehmen daran verdienen.  Dies mag derzeit noch ein Wunschtraum einiger Manager von Monsanto, Syngenta & Co sein (und der Albtraum von zahlreichen Konsumenten überall auf der Welt), doch soweit sind wir gar nicht davon entfernt. Eine systematische weltweite Einführung von gentechnisch verändertem Saatgut, patent- und copyright-geschützt, das alle andern Samensorten verdrängt, würde genau dies ermöglichen.

Überall auf der Welt, auf der südlichen wie auch auf der nördlichen Hemisphäre, gibt es deswegen Widerstand gegen die Kontrolle der gesamten Nahrungskette durch einige Agrar- und Lebensmittelkonzerne mit Hilfe von Gentechnik (und der dazugehörigen gesetzlichen Möglichkeiten der Patentierung von Saatgut). Die Anstrengungen der Unternehmen, diesen Widerstand zu brechen oder zu umgehen, spürt man überall auf der Welt. In Europa, wo die Mobilisierung der Bevölkerung gegen genmanipulierte Pflanzen recht groß ist (auch wegen Gründen des Umweltschutzes und wegen gesundheitlichen Bedenken), wird versucht, die nationalen und europäischen Gesetze mit Hilfe des Freihandelsabkommen TTIP zwischen Europa und den USA zu umgehen (siehe Artikel S. 12).

In ärmeren Ländern preisen dieselben Unternehmen das genmanipulierte Saatgut als Lösung gegen Hunger und Unterernährung an, um so seine Zulassung zu erwirken. Unsere Partnerorganisation Masipag erklärte vor kurzem auf einer Konferenz in Luxemburg, wie mit Hilfe des “Golden Rice”, eine angebliche Wunderlösung gegen Vitamin-A-Mangel, die Tür zur Einfuhr von genmanipuliertem Saatgut in den Philipinnen aufgestoßen werden soll (siehe Artikel S. 16). In Afrika wird die gleiche Herangehensweise angewendet. Im Burkina Faso zum Beispiel wird unter dem Deckmantel der Hungerbekämpfung die Einführung von genmanipuliertem Mais forciert.  Das gleiche passiert auch in Südamerika, wie zum Beispiel in El Salvador,  wo letztes Jahr die USA den Kauf gentechnisch veränderten Saatguts von Monsanto als Bedingung für die Auszahlung von Entwicklungsgeldern machten.

Doch weltweit organisiert sich der Widerstand gegen diese undemokratische Aneignung unserer Ernährungsbasis, die nur den Interessen einiger weniger großer Konzerne dient, sowohl in der Zivilgesellschaft der vermeintlichen Entwicklungsländer, als auch in der Zivilgesellschaft der Industrienationen. Die Bürger täten gut daran, sich diesem Kampf anzuschließen.

Julie Smit

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