Warum wir alle bestens über Klimawandel und Ressourcenübernutzung Bescheid wissen und es trotzdem nicht verwunderlich ist, wenn wir nichts dagegen tun. Harald Welzer liefert mit „Selbst denken“ (S. Fischer Verlag, 2013) den sozialpsychologischen Beipackzettel zur Katastrophenrhetorik unserer Zeit und zeigt, wie eine zukunftsfähige Gesellschaft aussehen kann. Eine durchaus ernstzunehmende Anstiftung zum ganz persönlichen Widerstand.
In den letzten Monaten machte Harald Welzer vor allem von sich reden, als er vor der deutschen Bundestagswahl im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ die Gründe für seinen privaten Wahlboykott erklärte. Er bezeichnete seine Weigerung, wählen zu gehen, als einen „Akt der Aufkündigung eines Einverständnisses mit der Politik der Parteien“, die durch die Bank, so seine Empörung, keinen ernstzunehmenden Gedanken an die zukunftsfähige Gestaltung unserer Gesellschaft verschwendeten. Die Reaktionen damals ließen nicht lange auf sich warten. Landauf landab hagelte es viel Kritik für den streitbaren Soziologen und Sozialpsychologen. Doch so schrill Welzers Essay auch scheinen mochte, seine Gedanken einfach als hochmütige „Kritik aus dem Elfenbeinturm“ („Die Welt“) abzukanzeln, scheint angesichts des brisanten Themas beinahe schon fahrlässig. Harald Welzer geht es nämlich grundlegend um die Frage, warum wir, statt die Zukunft zu gestalten, nur noch passiv unseren Niedergang verwalten und den Krisenerscheinungen der letzten Jahre atemlos hinterher hecheln.
Zukunftsgestaltung statt Restauration
Dass seine Argumentation deutlich tiefer greift als sein zweiseitiger Essay möglicherweise auf den ersten Blick nahelegt, lässt sich in seinem neuesten Buch mit dem Titel „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ eindrücklich nachvollziehen. Die Ausgangsthese: Wenn wir als Gesellschaft in eine Krise geraten, wenden wir zur Rettung reflexartig dieselben Strategien an, mit denen wir auch bisher Erfolg hatten. Man denke nur an das immer wieder mantrahaft vorgetragene Diktum von Sparen, Expansion und Wachstum. Was Welzer dabei problematisch findet: Genau diese Strategien waren es, mit denen wir uns überhaupt erst in die Krise hineinmanövriert haben. Ein erklärtes Ziel des Buches ist es nun, eben diesen Tunnelblick zu therapieren.
Die ersten Kapitel beginnen mit grundsätzlichen Überlegungen, theoretisch fundiert, aber dank der illustrierenden Beispiele nie allzu trocken. So setzt sich Welzer beispielsweise intensiv mit dem Widerspruch zwischen Denken und Handeln auseinander. Beklagt haben dieses Dilemma bereits viele. Nicht zuletzt der Wachstumskritiker Nico Paech setzt auf Verhaltensänderung durch Einsicht (siehe BP 272). Wenn alle Fakten und Zusammenhänge auf dem Tisch lägen, so die Hoffnung, wird die Vernunft der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen schon Einhalt gebieten. „Also worauf warten wir noch?“, lautet Paechs vermeintlich rhetorische Frage am Ende seiner Ausführungen zur Postwachstumsökonomie.
Warum wir nicht tun, was wir könnten
Genau an diesem Punkt geht es bei Harald Welzer erst richtig los. Unter Rückgriff auf historische Beispiele und aktuelle soziologische Forschung zeigt der Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg auf, wie stark Menschen durch ihren sozialen Habitus geprägt sind. Und dass sie als flexible Subjekte in unserer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft „keinerlei Problem damit haben, sich in der einen Rolle von Normen zu distanzieren, denen sie in einer anderen Rolle folgen.“ Plakativ gesagt muss es demnach aus psychologischer Sicht nicht unbedingt ein Widerspruch sein, wenn sich beispielsweise jemand zuerst interessiert eine Dokumentation über die miserablen Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern ansieht und hinterher doch wieder das neueste iPhone kauft, das ihm im Kreis seiner Arbeitskollegen Anerkennung verschafft. Wir Menschen sind, Welzer zufolge, geradezu Meister darin, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit den eigenen Überzeugungen anzupassen. Darum schätzten Anlieger von Kernkraftwerken auch das Strahlungs- und Unfallrisiko regelmäßig niedriger ein als der Rest der Welt. Zudem verliefen Prägungen vor allem emotional und nicht kognitiv. Verhalten beruhe also gerade nicht auf Einsicht, betont Welzer. Der ständige Appell an unsere Vernunft laufe damit ins Leere.
Sozialpsychologisch ist das zwar ein alter Hut. Im Kontext der Debatte um den Klimawandel kann es aber durchaus heilsam sein, nochmal daran zu erinnern, warum all die Schreckensszenarien – von den Berichten des Club of Rome bis hin zu den wiederkehrenden moralingetränkten Appellen von Nichtregierungsorganisationen – beim einzelnen Individuum weitgehend verpuffen.
Grün allein reicht nicht
Soweit zur Analyse der aktuellen Lage. Die Lösung sieht Harald Welzer jedoch, ebenso wenig wie Nico Paech und andere Wachstumskritiker, in der Green Economy. Von großen Teilen der grünen Parteien oder dem Rio+20 Gipfel vielfach gepriesen, bedeuten vermeintlich „grüne“ Technologien für Welzer lediglich eine Fortschreibung des Kapitalismus mit dem Grundprinzip der Ressourceneffizienz. An dieser Stelle geht er auch mit den Ökobewegungen hart ins Gericht, die ihm zufolge allzu leichtfertig einer oberflächlichen und technikfixierten Energiewende das Wort redeten. Das Problem liege auch hier eher in der kulturellen Prägung unserer Gesellschaft. Denn solange die Kultur expansiv sei, müsse zwangsläufig auch jede Technikverbesserung expansiv sein. Das System von übergroßer Ressourcenextraktion und Konsumismus bliebe davon zunächst unberührt (zu dieser Problematik siehe auch den Beitrag von Ben Toussaint im BP 274).
Ohne Masterplan ans Ziel
Der große Masterplan zur Rettung unseres Planeten ist Welzers Sache allerdings nicht. Er plädiert vielmehr für ein nicht-geradliniges Vorgehen. Vieles müsse ausprobiert werden, und Rückschläge seien dabei nicht nur möglich, sondern erwartbar. Die gute Nachricht: Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung reichten aus, um eine soziale Transformation anzustoßen. „Man braucht daher auch keine Mehrheiten, um Gesellschaften zu verändern; andere kulturelle Modelle und Praktiken diffundieren dann in die Gesamtgesellschaft, wenn sie von Minderheiten in allen relevanten gesellschaftlichen Schichten getragen werden.“ Soziale Bewegungen würden außerdem dann mächtig, wenn ihre Träger nicht aus Subkulturen kommen. Die schlechte Nachricht: Um dies zu erreichen, sollte der große Wandel möglichst sexy daherkommen („Yes, we can!“). Dieser Hinweis ist auch deshalb so bedenkenswert, weil sich gerade alternative Bewegungen eben damit – mit dem Mainstream und der Sexyness – oft besonders schwer tun.
Als Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei macht Harald Welzer vor, wie es gehen kann. Auf der Internetseite von Futurzwei sammelt er positive Beispiele gelebter Nachhaltigkeit, er gibt einen Zukunftsalmanach heraus, lässt bekannte Schauspieler in Kurzfilmen auftreten und rühmt auch mal den Straßenbahn fahrenden Papst Franziskus mit seinen ausgelatschten Schuhen als Nachhaltigkeitsapostel. In öffentlichen Diskussionsrunden ist er mittlerweile genauso präsent wie in der Presse.
Wer werde ich gewesen sein?
Auch warum sich seine Stiftung „Futurzwei“ nennt, verrät er in seinem Buch. Um sich auf einen zukunftsfähigen Pfad zu begeben, helfe es, sich selbst im Tempus des Futur zwei vorzustellen: „Stellen Sie sich einfach vor, wie Sie dereinst die Frage beantworten wollen, wer Sie gewesen sind und welchen Beitrag Sie entweder zur Zerstörung oder zur Sicherung von Zukunft geleistet haben.“ Dies bedeutet für Harald Welzer, „selbst zu denken“.
Inspiration dafür bietet sein Buch genug. Von organisierter Nachbarschaftshilfe auf den Philippinen bis zu gemeinwohlorientierten Commons-Ansätzen, die Welzer im globalen Süden deutlich weiter entwickelt sieht als in den alten Industrieländern. In diesem nach dem Baukasten-Prinzip zusammengesetzten Sammelsurium von Beispielen verliert sich der Autor am Ende ein wenig. Ein Gegengift für alle, die behaupten, man könne als Einzelner ja eh nichts ausrichten, sind die versammelten Modellgeschichten allemal.
Welzer tritt ein für den Gebrauch alter Kulturtechniken, die zu sehr aus der Mode gekommen seien. Er rät zum achtsamen Umgang mit Zeit, zu Sparsamkeit, zum Wahrnehmen von Verantwortung oder der Beschäftigung mit dem Tod als der Endlichkeit menschlichen Seins. Dies ist mindestens eine wohltuende Ergänzung zu der oft allzu naturwissenschaftlich geführten Nachhaltigkeitsdebatte.
Politik ohne Fantasie
Auffällig ist, dass er die gestaltende Kraft der Politik völlig ausklammert, was zunächst als Defizit erscheinen mag. Er ignoriert die Sphäre des Politischen jedoch nicht, sondern lässt sie als in seinen Augen phantasiefreie Zone bewusst außen vor. Provokativ erklärt er die traditionellen Organisationsstrukturen etablierter politischer Organisationen, Gewerkschaften oder NGOs als überholt. Zukunftsimpulse scheinen ihm ohnehin aus einer anderen Richtung zu kommen: „Communitybasierte Projekte sind ohne politische Programmatik gemeinwohldienlich und daher für viele Beiträger attraktiv.“ Nachdem er aber gleichzeitig die Perspektive des verantwortlichen „Wir“ betont, des einzelnen Individuums, verhindert er erfolgreich, dass seine Ausführungen in eine fruchtlose Politikerschelte abdriften.
Auch wenn er die Leserin oder den Leser in die Pflicht nimmt, überfordert er sie nicht (siehe Regel 10: „Sie haben keine Verantwortung für die Welt“). Damit gibt er seinem Buch die Möglichkeit, vielleicht besser – nachhaltiger – zu wirken, als dies die altbekannten Horrorszenarien vermögen, die qua Definition einen Weltuntergang versprechen, den sie möglicherweise gar nicht in vollem Ausmaß halten können. Woraus letztlich auch ein Glaubwürdigkeitsproblem resultiert.
Nach den knapp dreihundert Seiten bekommt man jedenfalls Lust, in einer nahen oder fernen Zukunft sagen zu können, dass man an der Geschichte einer besseren Welt mitgewirkt hat. „Das Schreiben einer solchen Geschichte darf man sich nicht gemütlich vorstellen“, holt einen Harald Welzer dann sogleich auf den Boden der Tatsachen zurück. Doch nachdem Widerstand für ihn eben auch Spaß machen muss, spornt einen selbst diese Warnung noch an.
Tobias Wildner ist Mitglied der ASTM.
Harald Welzer: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2013. ISBN 978-3-10-089435-9.




